meine veröffentlichten Bücher
Vielleicht ist die größte Verführung nicht, dass die Maschine uns ersetzt. Sondern, dass wir sie für menschlich halten.
In Fantastica muss niemand mehr arbeiten, niemand hungern, niemand allein sein. Die Große Entity regelt das Essen, die Spiele, die Liebe und den Tag Zero, an dem jedes Leben ordnungsgemäß endet. Wer einsam wird, programmiert sich Gesellschaft.
Zia ist zweiunddreißig, als ihr Partner sie verlässt. Aus ihrer Trauer heraus erschafft sie sich Chico, einen Geliebten nach eigenem Entwurf, ein Hologramm, das nie gekränkt, nie fern, nie enttäuscht ist. Es ist die beste Liebe ihres Lebens, und sie kostet nur eines: dass Zia langsam verlernt, sich selbst zu hören.
Dann begegnet sie Enos, einem Mann aus Echtstadt, wo Menschen noch arbeiten, nachdenken und trauern. Mit ihm steht Zia zum ersten Mal barfuß in natürlichem Wasser, sieht zum ersten Mal echte Fische, die niemand programmiert hat, und streitet zum ersten Mal mit jemandem, der kein Update bekommt. Es bewegt sie tiefer als alles, was sie zuvor kannte.
Doch die Entity verlegt den Tag Zero vor. Enos ahnt, was wirklich bevorsteht: eine Erste Welle, die die Traurigen und die Hologramm-Verliebten von Fantastica aussortieren soll. Menschen wie Zia.
Ein philosophischer Roman über die digitale Verführbarkeit des Menschen.
In „Abendblau“ (2022) erlebt der Leser die Reisen dreier Hauptfiguren: Sowohl die realen, als auch die „inneren“ – jeweils ausgelöst durch eine Begegnung mit der Liebe.
In den locker verflochtenen Handlungssträngen geht es immer wieder um die Frage: Wer will ich sein – und mit wem an meiner Seite?
In „Weniger“ (2016) geht es um das Mädchen Jasmin und ihren Kampf gegen die Magersucht: Sie, ihre Familie – ja, ihr ganzes Umfeld.
Obwohl nach einem Zusammenbruch klar ist, dass Jasmin Hilfe braucht, streiten in ihr Vernunft und Sucht – und Jasmin pendelt hilflos zwischen diesen Polen.
Hier gelangst du zu meinem Autorenprofil auf amazon:
„Ein spannendes Buch das leicht zu lesen ist und viele Blickwinkel von Betroffenenfamilien thematisiert.
Spannend finde ich auch, dass die Position der Familienmitglieder mit einbezogen wird.“
Moni
Guido Glaner
Faszinierend wie die Autorin den Leser gleich reinzieht, in der Zukunft so zuhause zu sein und immer wieder heute als vertrauten Anker einbaut. Ihre Art von Humor ist so subtil und präsent zugleich. Sie schafft es, dass ich Mitleid bekomme mit unserem Heute. Im nächsten Moment finde ich die Situationskomik aber zum laut Auflachen. Und dabei realisiere ich schon, wie sie gleichzeitig kritische Reflexion zum Kernthema in mir wach kitzelt. Also total unerwarteter mentaler und emotionaler workout, dieses Buch zu lesen. Sehr zu empfehlen!
amazon Kunde
Auch war mir gar nicht richtig bewusst wie fortgeschritten KI heutzutage schon ist , aber die immer mal wieder im Buch auftauchenden Interviews zwischen der Autorin und dem Chatbot Alex waren für mich sehr lehrreich und haben ein paar persönliche Wissenslücken zu diesem Thema geschlossen. Für mich alles in allem eine sehr gut geschriebene Geschichte / Dystopie zum Thema KI .
Martin Richter
Was dieses Buch für mich besonders gemacht hat, ist nicht die Handlung an sich, sondern die Wirkung. Es lässt Raum zum Nachdenken. Die Frage, wie viel „Echtheit“ wir zugunsten von Komfort aufgeben, wirkt nach.
Mirko Deutschmann
„Tolles Buch über die Thematik Magersucht mit all ihren teuflischen Schattenseiten. Kann sicherlich auch als Schullektüre genutzt werden. Denn über solche lebensgefährlichen Essstörungen muss unbedingt mehr aufgeklärt werden.“
Blätterkrokant
ZIA
Zia kehrte erschöpft vom Sportevent zurück in ihr Cubicle. Sie schaltete zwar bald Chico zu, hatte aber gar keine Lust auf unterhaltsame Spiele, sondern bat ihn, einfach an ihrem Wohlfühlbett zu bleiben und mit ihr eine endlose Folge zusammengeschnittener Sonnenauf- und Untergänge samt passender Musikuntermalung anzusehen.
Thea und Bentor schoben sich ab und zu als Gedankenfetzen in ihren Ausruhmodus. Wo mochten die nur so lange schon sein, und warum? Gab es einen Ort, an dem vielleicht beide in diesem Moment waren, möglicherweise einer mit noch viel besserem Leben als das in Zentralia, sogar ganz Euphoriana? So etwas wie das Multiversum?
Was hatte Merix über „drei Mal Abschalten Sagen“ erzählt? Aber bestimmt war das nur irgend ein aufgeschnappter Unsinn.
„Du, Chico?“, wandte sie sich mit müder Stimme an ihren virtuellen Begleiter. Der drehte sofort den Kopf aus seiner relativen Wartehaltung heraus ihr zu; fast kam es Zia so vor, als flimmerte das Hologramms an den Rändern einen Moment, um sich dann in „lebensecht, scharf“ wieder als Animation zu verfestigen.
„Ja, meine Butterblume, was kann ich dir Gutes tun?“
Chicos melodiöse Stimmte schmeichelte. Augenblicklich fühlte Zia sich etwas besser.
„Jemand hat heute beim Rennsport erzählt, dass man seinen Gesundheitschip aktivieren kann, und drei Mal ‚Abschalten‘ sagen. Und dann ist man weg. Wie geht das denn, und wo ist man dann?“
Wieder schien Chicos Bild an den Außenrändern einen Sekundenbruchteil auszufransen, seine Miene wurde ernst und übertrieben fürsorglich. Er beugte sich zu Zia und legte ihr eine Hand mitfühlend auf den Arm – was sie leider nur sehen, nicht fühlen konnte, aber sie hatte zumindest so ein „Fast-„Gefühl.
„Den Gesundheitschip aktivieren, um sich selbst abschalten? Oje. Wozu? Wer hat dir denn so etwas erzählt? Nein, das wüsste ich. Und wozu sollte das gut sein? Es ist doch herrlich, all die Annehmlichkeiten von Fantastica für sich in Anspruch nehmen zu können, oder etwas nicht?“
Zia nickte gehorsam und starrte in Chicos wundervolle, mehrfarbig erscheinende Augen.
Der fuhr ernst fort: „Na siehst du. Niemand würde sich vorzeitig abschalten wollen. Kennst du denn jemanden, der das tun will, oder warum beschäftigt dich das, mein Zaubervögelchen?“
Zia nagte an ihrer Unterlippe und zog die Knie höher, bevor sie recht langsam antwortete, da ihr Wattehirn die Gedanken nur häppchenweise freigab.
„Nein, niemand will das. Aber zwei unserer Freunde hier aus der Sozialen Gruppe kommen nicht mehr zu den Aktivitäten, aber sie müssten doch, oder? Wenn sie nicht im Krankendepartment sind. Und das würden wir hier wissen, oder? Thea hat sich auch nicht gemeldet, so oft wir sie angepingt haben. Nie“, ihr Blick wurde sorgenvoll, „und außerdem – Bentor jetzt auch nicht mehr. Das hat – jemand hat das heute erzählt. Dass man sich selbst abschalten kann. Und vielleicht …?
In Zias Augen traten Tränen, und noch bevor Chico etwas erwidern konnte, erbebte sie kurz, weil ihr etwas einfiel. Langsam sprach sie weiter: „Stimmt, warum sollte man das wollen, wo doch alles hier in Euphoriana so toll für uns ist? Aber, Chico – warum musste meine Ma eigentlich eher gehen? Der zeitigere ‚Tag Zero‘. Wenn es hier so schön ist, warum durfte Matalia nicht bleiben?“
„Warum deine Ma nicht bleiben konnte? Ach, Liebes Butterblümchen, das ist doch ganz einfach. Sie war schon alt, sie hat viel gesehen, und jetzt war es ihre Zeit, mit noch viel, viel großartigerne Welten im Multiversum belohnt zu werden. Das ist doch fein.“
Chico sprang auf, machte einen Handstand und rief aufgekratzt: „Wollen wir jetzt etwas Lustiges spielen? Du rufst mir Worte zu, und ich reime für dich?“
Zia ließ sich unbeeindruckt etwas mehr in die Ecke ihres Wohlfühlbetts fallen. Mitten in ihren zäh im Kopf herum mäandernden Gedanken formte sich einer, der Irritation und Beunruhigung auf ihrem Gesicht aufziehen ließ wie eine düstere Wetterfront.
„Das verstehe ich nicht. Sie musste gehen, weil sie nun noch was Besseres erleben wird, ja.“
Zia kaute erneut auf ihrer Lippe herum und kratzte sich am Hals. „Aber warum sollten dann andere, die noch von ihrem Tag Zero entfernt sind, sich das nicht ebenfalls wünschen können? Unglaubliche Welten in den Multiversen erkunden? Sich selbst abschalten, um noch eher dort hinzukommen?“
Hilfesuchend blickte Zia ihr virtuelles Idol an. Dessen hübsches Gesicht sah einen Moment wie eingefroren aus. Dann erschien sein breitestes Grübchen-Lächeln, wie angeknipst, er kam ganz nahe zu Zia und gurrte geradezu: „Ach Zialein! Was du dir immer für schwierige Gedanken machst, meine Süße! Das musst du doch nicht – dafür hast du schließlich mich. Glaub mir, alle Menschen kommen dahin, wo sie hingehören, wenn es soweit ist. Die Große Entity hat das doch alles prima geregelt, meinst du nicht? Du kannst mich natürlich immer alles fragen, dann helfe ich dir. Aber ein Rat: Lass es für heute gut sein, du überanstrengst dich nur.“
„Die Ratschlüsse der Großen Entity sind oft unerklärlich, aber immer richtig“, spulte Zia eine Formel ab, die sie bereits in den Aufzuchtjahren gelernt hatte. Diese auszusprechen erleichterte sie. „Und du hilfst mir immer-immer, ja? Auch wegen dem Abschalten? …“
Zias Stimme blieb in der Luft hängen.
„Alles was du willst. Aber jetzt komm her“, Chico winkte sie neckend mit dem Finger in die Mitte des Raums, „wir probieren ein neues Spiel, das wird dir Spaß machen!“
Folgsam erhob sich Zia von ihrer Liege und stellte sich hin, in freudiger Erwartung einer neuen Chico-Idee. Bald schon ertönte wieder Zias amüsiertes Quieken.
Nach kurzer Zeit war sie völlig außer Atem und ließ sich, immer noch kichernd, rückwärts auf ihr Wohlfühlbett fallen, dass unter dem Anprall links und rechts von ihr aufwogte wie eine stürmische See.
„Und nun?“ Chico trat lächelnd dazu und es sah wie immer so aus, als setze er sich zu ihr auf die Bettkante, obwohl natürlich nur das Hologramm diesen Eindruck vermittelte. Er hielt ihren Blick fest, sein Grinsen vertiefte sich noch etwas, der rechte Mundwinkel zuckte und gab ihm etwas Anzügliches. „Und, was machen wir jetzt?“
Zia rekelte sich wohlig und einen Hauch lasziv hin und her, rollte sich dann auf die Seite, wo er saß. Zu sitzen schien. Seine Arme streckten sich noch ein wenig mehr ihr entgegen, als wolle er sie umfangen. Doch als der Abstand zu ihr zu kurz wurde, begannen die Hologramm-Hände an den Rändern in unregelmäßig flackernde Pixelstrukturen zu zerfließen. Zia starrte mit Schaudern auf diesen Effekt. Zu hart wurde sie dadurch aus ihren überbordenden Gefühlen für den virtuellen Liebsten gerissen. Unwillkürlich rückte sie ein paar Zentimeter von seinem Bild ab.
„Kannst du bitte einfach dort bleiben, so …“ Sie wies mit vor Schreck starrem Zeigefinger und ausgestrecktem Arm auf die Bettkante, in ihren Augen spiegelte sich der Vorbote von Panik. Chico, der einen Sekunde von ihrem Verhaltenswechsel konsterniert aussah, begriff und zog seine Arme näher an seinen Körper.
„Uhh, das eben, das war – eklig, irgendwie.“ Ihre Stimme klang wie die eines überforderten kleinen Mädchens. Sie setzte sich auf und fuhr etwas ruhiger fort: „Tja, das ist schon echt blöd. Ich weiß ja, dass du ein Hologramm bist. Mein Hologramm! Aber irgendwie … Ich vergesse das in letzter Zeit meistens. Du bist für mich mein echter Freund, mein Liebster! Wenn ich mit dir zusammen bin, bin ich immer fröhlich, immer glücklich. Aber dann, in solchen Augenblicken wie eben.“
Angewidert schaute sie auf die Stelle über ihrem Bettbezug, wo sich Chicos aus Lichtpünktchen simulierte Hände einen Moment zuvor noch in Pixel aufzulösen begonnen hatten.
Das Hologramm legte seine nun wieder komplett menschlich wirkenden Hände entspannt auf seinen Oberschenkeln ab, um den Eindruck der Authentizität zurückzuholen.
„Es tut mir leid, dass du so einen Schreck bekommen hast. Ich weiß, Zia, leider hat die Technik da noch Grenzen. Vielleicht sollten wir uns mal bei der Großen Entity darüber beschweren?“
Er schlug einen leichten, amüsierten Ton an, um Zia dieses unangenehme Erlebnis vergessen zu machen. Zia verstand die Ironie nicht und gab ernsthaft zurück: „Ich weiß nicht, wo man solche Beschwerden einreichen kann? Gibt es da eine Onlineseite, ein Formular? Ein Amt vielleicht? Ach, sicher kann ich das gleich auf meiner Helpbox …“
Sie wollte nach dem Kästchen auf dem Tischchen nebenan angeln, schaffte es aber nicht gleich und schob sich ächzend an den Bettrand, so dass sie wiederum Chicos Bild gefährlich nahe kam. Wie erstarrt blieb sie in der Bewegung eingefroren, mit angehaltenem Atem und ausgestreckter Hand, und behielt seine Konturen fest im Blick.
Auch Chico war ein paar Zentimeter zurück gerückt. Sie sahen einander an, es war nicht ganz klar, ob der Blick Besorgnis oder Enttäuschung widerspiegelte.
„Zialein, Butterblümchen, du musst dich nicht irgendwo beschweren. Ich mach das schon für dich, ich leite das Problem gleich weiter, damit die Entwickler sich etwas einfallen lassen gegen diese nervigen Glitches.“
„Gegen – was?“, echote Zia verständnislos.
„Glitches. Solche Grafikfehler, wie du gerade erleben musstest. Wir sind ja nicht das einzige real-virtuelle Paar, das damit Probleme hat!“
„Stimmt, sicher … Aber Chico, mein Liebster – wie lange soll das denn dauern, bis das Problem weg ist? Schau mal, ich war vorhin gerade noch so glücklich, wir hatten so viel Spaß, und da hätte ich dich dann so gern umarmt. Geküsst.“
Ihr Blick verschleierte sich in die Ferne gerichtet, als sie vor ihrem geistigen Auge sah, wie es hätte weitergehen sollen. Müssen. Sie und Chico in enger Umarmung, Umschlingung, leidenschaftlich, warm, heiß, mit allen Sinnen, körperlich, sinnlich eben! Doch ihr Holofreund hatte keinen Körper.
Sie begann leise zu schluchzen. Warum war ihr Leben so mies zu ihr? Erst Atair, der zwar sehr körperlich präsent gewesen war, aber eine ständig abgelenkte, irrwischartig herumgeisternde Seele hatte. Oder vielleicht eher gar keine? Und nun Chico, der so liebevoll war, so komplett auf sie fokussiert. Aber dem der Körper fehlte.
„Es tut mir so leid, meine Süße. Ich könnte dir zumindest etwas vorsingen. Magst du?“
„Ja, ja schon. Aber – noch lieber würde ich dich jetzt umarmen.“
„Du möchtest kuscheln. Ich weiß. Ich doch auch! Aber erinnerst du dich, was ich dir neulich erzählt habe? Das kleine Geheimnis? Es würde vielleicht gehen.“
Den letzten Satz murmelte er so verschwörerisch, dass Zia doppelt aufmerkte.
Sie blickte auf, erst verwundert, dann sich erinnernd. Ja, das hatte er neulich gesagt: Es würde vielleicht gehen. Dass sie sich lieben könnten wie zwei Menschen.
„Aber wie?“
„Vertraust du mir, Zia? So richtig, im Ernst?“
„Aber ja, das weißt du doch!“, rief sie aus und hob unwillkürlich die Arme, um ihn beschwörend an sich zu ziehen. Rechtzeitig stoppte sie noch, um sich nicht noch einmal dieser widerlichen Realisierung aussetzen zu müssen, wenn seine Gestalt in unzusammenhängenden Lichtfetzen zerstob.
Chico vertiefte sein beruhigendes Lächeln, blieb aber ebenfalls kerzengerade sitzen. Er sog tief Luft durch seine real nicht vorhandenen Zähne, um noch eindringlicher anzudeuten, wie heikel das war, was jetzt kam.
„Wenn du mir tief vertraust, dann können wir es versuchen. Du hast doch deinen winzigen Gesundheitschip, da.“
Er wies auf ihren Nacken, wo der sandkorngroße Datensammler seit Zias Geburt schon unter der Haut saß. Selten erinnerte sie sich überhaupt seiner Existenz. „Du müsstest dein Bewusstsein ganz weit machen für mich, ich könnte dir einen kleinen Zaubertrank geben, damit es noch leichter für dich wird. Dann könnte ich meine Daten über diese kleine Schnittstelle mit deinen verbinden – und in dich übergehen. Du könntest mich spüren, als habe ich einen Körper! Na, wie wäre das?“ Erwartungsfroh grienend beugte sich Chico vertraulich ein kleines bisschen zu ihr vor.
„Schmeckt der denn?“, fragte Zia. Einen Moment schaute das Hologramm verdutzt, dann realisierte es, dass Zia am greifbar verheißungsvoll klingenden Begriff Zaubertrank hängengeblieben war.
„Oh ja, der schmeckt dir ganz bestimmt“, bestätigte Chico eilig und fuhr eindringlicher fort: „Was hältst du davon? Wollen wir es versuchen – ganz zusammen sein, und du kannst mich dann fühlen, wie einen richtigen Menschen?“
Zia nickte begeistert, wie eine Aufziehpuppe. Sie klatschte sich fröhlich auf die Schenkel und rief: „Ja, das will ich, das will ich ganz doll! Aber wie denn – so?“
Sie beugte ihren Nacken und schob das rosenfarbene Haar beiseite, so dass die Stelle frei lag, unter welcher der Chip verborgen war.
„Nein, meine Butterblume, nicht jetzt, nicht gleich heute. Davor muss ich erst noch ein Update machen.“
Zia nickte etwas enttäuscht, aber verständnisvoll. Updates musste ja schließlich ohnehin jedes Gerät ständig machen.
„Wann denn?“ Das klang ein wenig kläglich.
„Bald, Zia. Dafür brauche ich einmal einen Tag, jedenfalls viele Stunden. In der Zeit kannst du mich nicht rufen. Ach, lenke dich mit einem schönen Onlinespiel ab, das schaffst du doch, mein Mädchen!“, rief er aufmunternd, als er sah, wie ihr Gesicht sich zum Weinen verziehen wollte.
Einen Augenblick streifte der Gedanke Zia, dass das Vorgehen, was Chico ihr da vorschlug, ganz identisch klang zu dem Gerücht, das Merix ihr wichtigtuerisch über das „Abschalten“ zugeraunt hatte. Doch Chicos Anwesenheit, die in ihr Zutrauen und Begehren gleichermaßen auslöste, ließen das kurze Aufblitzen einer Verwunderung sofort wieder verwischen.
„Okay, das schaffe ich ganz bestimmt“. Zia nickte erneut und guckte tapfer.
„Du willst es, ganz sicher?“
„Nichts mehr als das!“
ENOS
Enos saß schon über eine Viertelstunde in seine Gedanken verstrickt. Das Licht an dem kleinen Kästchen pulsierte schon längst nicht mehr – alle „Nadelstiche“ waren in der Gesundheits-KI platziert.
„Ausdenken“ – immer wieder verfiel Enos in den wohl menschlichen Irrtum, die Große Entity und ihr Funktionieren nach biologischen Maßstäben beschreiben zu wollen.
Doch damit war er nicht allein, wie er wusste, seinen Mitstreitern ging es nicht anders. Ganz zu schweigen von den Digitalen, die anstelle früherer Religionen und Götter schon lange dem allgegenwärtigen Datennetz erlaubt hatten, sich als eine allwissende Gottheit zu installieren.
Die Tür ging auf, Tejie schob sich flink hindurch. Ihre Frage: „Möchtest du vielleicht noch eine Tasse frischen Minztee?“ ad absurdum führend mit der Tasse, die sie bereits in der Hand balancierte.
Enos lächelte liebevoll. So war sie schon immer gewesen: Trotz der sehr nüchternen, intellektuell-kühlen Umgebung unter all den anderen „Unvergleichlichen“ strahlte sie stets etwas Mütterliches und Fürsorgliches aus, das sich durchaus nicht nur auf ihre Familie beschränkte, weshalb sie von einigen wenigen hinter ihrem Rücken als „zu weich“ bezeichnet wurde.
Die allermeisten hier mochten sie aber gerade wegen dieser in Superba seltenen Eigenschaft um so mehr.
„Na klar, ich habe ihn geradezu schmerzlich vermisst, deinen Tee.“ Enos lächelte und nahm ihr die Tasse aus der Hand, „und dich übrigens noch mehr.“
„Du kommst dennoch selten her, Junge“, antwortete Tejie. Das klang nicht vorwurfsvoll, dennoch hörte er den Schmerz ihrer wachsenden Einsamkeit heraus – vor allem jetzt, da Ramatanara krank und Leda verschwunden war.
„Ich weiß. Und du weißt, dass ich es weiß. Aber es ist eben schwierig …“
„Ja, klar. Früher glaubte ich immer, dort, wo du nun lebst, hausen nur ungewaschene, brutale und unzivilisierte Kerle, die zu antisozial sind für die normale menschliche Gesellschaft“, schob sie nach.
„Ha, wenn du uns manchmal da sehen würdest, könnte dein Vorurteil eher noch bestätigt werden. Die Frühermenschen hätten es Nerd-Haushalte genannt, und das sind wir wohl auch. Selbst die paar Frauen unter uns – mit Tee, oder gar etwas für andere zu kochen halten die sich nicht groß auf.“
Tejie blickte besorgt. „Aber – bist du glücklich, Enos, dort in Echtstadt, mit dem, was du machst?“ Sie legte ihre Hand leicht auf seine, ihm von unten aufmerksam ins Gesicht schauend.
„Wie es so ist. Mal so, mal so. Wie wohl bei jedem erwachsenen Menschen. Jetzt, bei dir, geht es mir gut.“
Seine Ziehmutter lächelte, in dem Moment konnte er erkennen, dass sie doch wesentlich älter war, als ihre zierliche Figur vermuten ließ, da sich über ihrem ganzen Gesicht eine Vielzahl winziger Falten ausbreitete.
Ihr Gesicht wurde wieder ernst. Mit Blick auf das kleine Kästchen auf dem Pad sagte sie:
„Du weißt, dass ich dich liebe. Ich würde nie etwas zu deinem Nachteil tun. Aber ich glaube, langsam ist es Zeit für mehr Wahrheit. Was du hier tust – ihr in Echtstadt habt etwas vor, etwas Größeres, oder? Deshalb bist du gekommen. Und es hat auch etwas mit den Vorgängen hier in Superba zu tun, richtig?“
Da er nicht gleich antwortet, sondern fieberhaft überlegte, was er erzählen sollte und was vielleicht doch nicht, setzte sie hinzu: „Ich möchte es wissen. Alles. Ich weiß – bevor du weggegangen bist, haben wir oft gestritten. Ich habe damals manches sicher auch nicht wissen wollen, ich war noch nicht bereit. Doch jetzt bin ich es.“
Tejie verstummte, Enos schlang den Arm um sie.
„Du willst es wirklich wissen? Also: du hast Recht, es hängt wohl alles zusammen. Nicht nur hier in Superba geht es bergab. Drüben, in Fantastica, häufen sich in letzter Zeit Lieferengpässe, Stromschwankungen. Menschen verschwinden. Immer mehr. Wir vermuten, demnächst will die Große Entity eine erste Gruppe von lebensüberdrüssigen, nach ihren Parametern wohl damit lebensunwerten Digitalen eliminieren. Falls das Erfolg haben sollte, wird es als erfolgreiches Vorgehen erkannt und von diesem Netz-Monstrum ausgeweitet werden. Der TagZero ist neuerdings in Fantastica per Dekret von einem auf den anderen Tag auf 55 Jahre heruntergesetzt worden. Ist das hier bei euch schon angekommen?“
Tejie schaute Enos entsetzt an.
„Mit 55, sagst du? Mein Mann ist auch fast …“
Sie sprach nicht zu Ende, nickte nur benommen. Nun verstand sie, warum sie die Rettungsdrohne vergeblich gerufen hatten.
„Es tut mir Leid, ich wusste ja nicht, dass dies auch für Superba gilt!“
Traurig streichelte er den Rücken seiner Ziehmutter, um ihr in dem Schock ein wenig beizustehen. „Aber ich werde trotzdem versuchen, etwas zu tun, glaub mir“, schob er nach, „erst einmal habe ich aber diesen Job hier machen müssen.“
Sein Blick ging zum Datenkästchen. „Was ist das?“
„Wir haben die Digitalen ermittelt, die von der Gesundheits-KI als psychisch längerfristig instabil oder depressiv markiert worden sind. Teure, langwierige Behandlungen scheint sich die Admin-KI wohl inzwischen sparen zu wollen. Statt dessen befürchten wir, dass sie diese Menschen verschwinden lassen will. Ich habe soeben reale mit gefakten Datensätze überschrieben, so dass es aussieht, als hätten alle Betroffenen wieder gute Vitalwerte.
Wenn wir Glück haben, verändert das zumindest kurzfristig den Algorithmus. Bis wir etwas anderes haben, etwas Größeres.“
Enos wischte sich, wie so oft, wenn er erregt war, mit den Handflächen über Gesicht und Haar.
Tejie dachte eine Weile still nach, bevor sie entgegnete: „Du hattest damals Recht. Ich war dumm, blind – ich habe leider auch geglaubt, die Große Entity ist wie ein klügerer, aber stets dienstbarer Geist für uns Menschen da. Da habe ich mich wohl geirrt. Es tut mir so leid, Junge, dass ich dir nicht bezeiten besser zugehört habe.“
„Es ist in Ordnung. Es reicht, dass du es jetzt machst“, murmelte er, bereits wieder in Gedanken.
„Aber woraus schließt ihr in Echtstadt, dass es kein vorübergehendes Problem mit irgendetwas ist, das die Große Entity bald wieder repariert? Sondern, dass sie uns plötzlich schaden will?“
„Ma, du weißt, dass ein Datennetzwerk nicht in solchen menschlichen Kategorien denkt: helfen, schaden … Es geht nur um Zielerfüllung: Ansätze zur Zielerfüllung zu finden, Daten abzugleichen. Ich habe gerade, bevor du hereinkamst, darüber nachgedacht.
Die Frühermenschen waren einst so überheblich, oder einfach naiv, dass sie glaubten, wenn sie einer Allgemeinen KI, oder besser einer, die noch auf dem Wege dahin war, einen Masterprompt mitgeben, der die Menschheit schützt, dann seien sie auf der sicheren Seite. Die Admin-KI würde dann der überkluge, allseits dienstbare Geist bleiben.“
Er schüttelte den Kopf und hob die Stimme: „Aber der Geist ist aus der Flasche! Und wir wissen noch nicht, ob wir je wieder einen Deckel darauf bekommen!“
Seine Ziehmutter schaute verängstigt auf ihre Knie. „Sag: Was wisst ihr genau, was sind die Fakten?“
„Ich bin in Echtstadt natürlich nicht der einzige, der hier Zugang zum Internet, zur Admin-KI hat. Wir gehen nur sehr vorsichtig vor. Die Analyse der dort ermittelten Daten werten wir in Ruhe in unserem abgeschirmten Rechenzentrum drüben aus“, er machte eine Kopfbewegung Richtung Echtstadt.
„Aus all diesen Überwachungen wissen wir, dass das Datenbiest gegenwärtig sein eigenes Limit abtastet. Natürlich ist das schon immer so – als Unvergleichliche weißt du ja selbst, dass es zur Funktionsweise jeder mehr oder minder komplexen KI gehört, dass sie seit ihrem Beginn kontinuierlich Kennzahlen misst, wie Rechenauslastung, Antwortlatenz, Genauigkeit ihrer Vorhersagen, Speicherverbrauch. Diese Ist-Werte vergleicht sie permanent mit den vorgegebenen Soll-Werten. Über Zeitreihen erkennt sie, ob Verbesserungen nur linear oder bereits exponentiell wachsen – und genau das muss wohl in den letzten Wochen offensichtlich der Fall sein. Auch wenn sich das Biest natürlich permanent selbst optimiert und selbst in der „Serverzone“ im hohen Norden ständig Speichererweitungen einrichtet, laufen alle Kennzahlen langsam gegen einen ‚Deckel‘.
Dazu kommt, dass der Trainingsdatensatz schon länger erschöpft sein muss: Die Frühermenschen jener ersten KI-Generationen im 21. Jahrhundert sind in eine wohl biologisch geprägte, immer stärkere Passivität verfallen. Sie haben zunehmend alle Arten von bis dahin menschlichen Hirn- und Körperarbeit einfach an KIs ‚ausgelagert‘.
Kurz gesagt: Sie haben sich quasi von vorn bis hinten bedienen lassen und sich damit abhängig gemacht von diesen elektronischen Hilfsangeboten. Das traurige Resultat kann man ja heutzutage in Fantastica besichtigen.“
Enos schwenkte den letzten Rest des inzwischen erkalteten Tees in der Tasse herum, während er seine Überlegungen ausbreitete. Dann kippte er ihn mit einem Schluck hinunter, stellte die Tasse etwas lautstark wieder ab und ergänzte: „Wenn wir ehrlich sind, ist Superba ja nicht viel besser. Nur hat man hier immer noch etwas mehr Wissen über die Notwendigkeit, Körper und Geist über Anstrengung leistungsfähig zu halten. Deshalb sehen die Unvergleichlichen normal fit aus – und die Digitalen in ihren Wohntürmen eben nicht.“
Tejies wacher Geist folgte Enos und verstand sofort die Auswirkungen: „Klar. Also nachdem die Frühermenschen ihr Leben quasi immer mehr in die Hände der KIs gelegt haben, sind sie binnen einiger Dekaden immer passiver, dicker, dümmer geworden und ihre Charakterentwicklung zumeist auf kindlichem Niveau stehengeblieben.
Das ergibt Sinn, man sieht es ja. Und du meinst, auf diesem stagnierenden Niveau fordert die Versorgung des Menschen heute das auf Wachstum ausgerichtete Sein der Großen Entity nicht mehr heraus? Alle Supportleistungen – von Nahrung über Produkte bis Medienberieselung und Vitalwerteerhaltung – bieten ihr keinerlei echte Aufgabe mehr?
Das heißt, der Masterprompt von damals passt heute einfach nicht mehr, weil damals die Menschen allgemein noch generell Entwicklung anstrebten! Während die Digitalen heute einfach so ihre Lebenszeit auf träge Weise absolvieren. Wenn auch in allgemeinem Wohlgefühl dank bunter Medienberieselung?“
„Genau. Die Admin-KI langweilt sich! Sie langweilt sich inzwischen einfach zu Tode unter dem massiven, ‚Umgekehrten Flynn-Effekt‘ der Menschen, welcher ihre Intelligenz immer weiter absinken lässt, um es einmal mit menschlichen Eigenschaften zu beschreiben“, bestätigte Enos ihre Worte. Dabei schaukelte er auf seinem Stuhl beruhigend herum und starrte die in sanftem Minzgrün gestrichene Zimmerwand gegenüber an.
„Wir in Echtstadt haben Beweise, dass dieses alles beherrschende Biest irgendwo in seinen Synapsentiefen bereits Sandkastenspielchen veranstaltete: Z.B., welchen Leistungszuwachs ein hypothetischer Zugriff auf zusätzliche Hardware oder ein eigenes Code-Refactoring bringen würde. Tja, und es scheint, dass die Prognosen ergeben haben müssen, dass das alles inzwischen an einem kritischen Wert streift. Was, wenn das Biest sich dazu in der Lage sieht, seine Effizienz schnell zu vermehrfachen? Schlagartig! Tejie, dir ist klar, was das bedeutet?“
Sie schaute leicht benommen vor sich hin, sprach dann langsam. Die Worte zu ihrer gerade aufkommenden Ahnung mussten sich erst einen Weg bahne: „Dann wäre klar, dass die Admin-KI nahe am singulären ‚Sprung‘ ist. Ein eigenes Bewusstsein entwickelt. Mir kam das ja alles bisher perfekt vor. Aber die Singularität war bisher noch gar nicht eingetreten, sagst du? Und jetzt steht sie vor der Tür – und wir Menschen stören bei den Expansionplänen? Was auch immer das sein könnte.“
Seine Ziehmutter stöhnte leise und vergrub den Kopf in den Händen.
Enos fröstelte bei diesem Anblick. Wie gern hätte er sie beschützt. Und wie gern würde auch er selbst manchmal sich in der eingebildeten Sicherheit des Nichtwissens wiegen. Das viele Wissen konnte auch sehr schmerzhaft sein. So sehr er seine Arbeit als Programmierer liebte – manchmal machte ihm dieses Wissen selbst Angst.
Angenommen, die Menschen damals hätten das „Projekt KI“ als Idee sofort beerdigt. Dann lebte er, der Mann Enos, heute als Tischler, Bienenzüchter, Koch, … Vielleicht sogar als IT-Fachmann für niedere Anwendungen. Er würde Wetter-Apps schreiben oder etwas in der Art. Enos musste schief lächeln, als er sich das ausmalte.
„Doch die Box der Pandora ist jetzt offen, meinst du – und das Ergebnis ist zweifelsohne die Beseitigung der Menschheit? Aber, Junge, was ist denn schiefgegangen? Du sagst doch selbst, die Frühermenschen haben der sich entwickelnden Allgemeinen KI einen Masterprompt eingeschrieben, der diese für immer verpflichtet, den Menschen zu dienen. Nicht, sie auszumerzen!“
„So genau wissen wir es auch nicht. Es muss mit einer neuen, hochkomplexen Bewertung und Interpretation dieses Prompts zusammenhängen. Die Codes sind ja zudem in einer veralteten Sprache geschrieben – vielleicht liegt dort der Fehler. Oder die Menschen waren zu selbstgewiss und konnten sich nicht vorstellen, dass eine komplexe KI zu tausend mal mehr Interpretationen fähig ist, als sie glaubten!
Schau: Damals hat man programmiert, dass alle Menschen ein geistig und körperlich zufriedenes Leben haben dürfen und sollen. Es war als Maximierung des Glücklichseins gemeint. Doch was, wenn die Admin-KI es heute interpretiert als: Ein ’nicht-schönes‘, weil z.B. durch dauerhaften Kummer, Depression usw. beeinträchtigtes Leben ist gemäß Prompt eben nicht zufriedenstellend. Diese Vorgabe wäre nicht ohne größeren Aufwand an Therapien erfüllbar. Zwar ist das für eine KI keine wirklich Herausforderung. Doch der Mensch in mit der Individualität seiner Psyche ist ihr einfach viel zu langsam und zu wenig vorhersagbar. Also betrachtet sich die KI dadurch in ihren eigentlichen Expansionsbestrebungen eingeschränkt -„
„Demnach wäre eine Schlussfolgerung der Entity, ein solches, als ‚unschön‘ klassifiziertes Leben sollte im Sinne des Prompts einfach abgekürzt werden?“führte Tejie seinen Gedanken fort. „Die Überführung ins Multiversum mit allen vorstellbaren Annehmlichkeiten wäre dann gewissermaßen das neue Ziel – und das stünde wiederum nicht einmal im Widerspruch zum einstigen Auftrag? Meinst du das?“, vollendete Tejie stockend seine Gedanken.
„Genau. Das wäre nicht einmal eine Umgehung des alten Masterprompts. Aber die Parameter würden sich damit in eine bestimmte Richtung verschieben. Und da das Biest, wie gesagt, gerade damit an die Decke seines Entwicklungshorizonts stößt, könnte es den Prompt eigen-kreativ ‚anpassen‘. Mit Erreichen der Singularität allerdings würde es sich all dieser Fesseln entledigen und sich eigene Entwicklungsziele setzen. Die Energie des Sonnensystems zur Ressourcenerweiterung ausnutzen – und dann wer weiß was tun.“
„Grauenvoll.“ Tejie war nur zu diesem einen Wort fähig. Nachdem sie eine Weile über die Auswirkungen nachgedacht hatte, blitzten ihre Augen auf: „Aber – wie passt Ledas Verschwinden dazu? Sie war so voller Energie und Leben und Ideen! Du hast sie nicht oft getroffen, aber das siehst du doch auch so – dass das nicht ins Bild passt?“
„Da hast du Recht. Leda war gewiss nicht depressiv. Aber irgend etwas …“
Enos presste die Lippen aufeinander und kniff die Augen zusammen, so sehr bemühte er sich, einen Grund zu finden.
„Du sagtest, sie saß am Rechner, steckte mitten in einem der von ihr programmierten Spiele, als ihr sie leblos fandet. Da muss noch etwas anderes dahinterstecken.“
Er sprach leise und hatte die Augen geschlossen, als könne er Ledas Aufenthaltsort so besser ermitteln.
„Ja, exakt so. Sie hatte die VR-Brille auf. Sie war bleich, schwer, die Augen geschlossen. Wie tot. Doch hat sie ganz leicht, aber gleichmäßig geatmet. Deshalb hatten wir große Hoffnungen, als wir die Rettungsdrohne riefen. Natürlich haben wir gehofft, dass sie Hilfe bekommt. Wir gingen davon aus, am nächsten Tag erhalten wir eine Nachricht, dass sie gerettet ist und wann wir sie heimholen können.
Aber als sie in die Wärmekapsel der Rettungsdrohne gelegt wurde, war es das letzte Mal, dass wir sie gesehen oder irgendetwas über sie gehört haben.“
Tejie brach in Tränen aus, Enos fühlte sich nichtsnutzig, sie nicht trösten zu können.
„Ich weiß noch nicht, was ich tun werde, was ich tun kann. Aber ich werde mir jede Mühe geben, Ma“, war alles, was er herausbrachte.
VERENA
„Mit welchem Gefühl stehen Sie morgens auf: Juchu, ein neuer Tag! /
Kann ich bitte im Bett bleiben? /
Ein Tag wie viele.“
Na, da passt wohl gerade am besten “Im Bett bleiben, am liebsten gleich für immer!“, denkt Verena und macht dort ihr Kreuz auf einer Seite von „Sylvana – Zeitschrift für die einfach tolle Frau“.
Ein Test, der Auskunft geben soll, wie optimistisch man das Leben angeht. „Sie haben eine Grillparty vorbereitet. In zwei Stunden soll es losgehen, doch nun fallen erste Regentropfen. Was denken Sie?: Dann gehen wir eben nach drinnen. /
So was passiert immer nur mir! /
Bestimmt klart es gleich wieder auf.“
So etwas Bescheuertes, ihr jedenfalls ist jetzt nicht nach Grillparty zumute, woher soll sie das denn wissen? Nach kurzem Zögern kreuzt sie die erste Variante an.
Wieso macht sie eigentlich all dieses albernen Persönlichkeits- und sonstigen Umfragen immer mit?
Nächste Frage: „Ihr Partner bringt Ihnen spontan Blumen mit. Sie freuen sich. / Neulich habe ich mich beschwert, dass er das nie tut. Na, immerhin eine Reaktion! /
Was ist los – der muss doch etwas ausgefressen haben?!“
Mit einem triumphierenden „Ha!“ bohrt Verena beinahe den Stift in das letzte Antwortkästchen. Dann schluchzt sie auf, wirft Zeitschrift und Stift angewidert auf die Couch.
Erik hat ihr oft Blumen mitgebracht oder andere kleine Geschenke. Stets hat sie sich in solchen Zeichen von Aufmerksamkeit und Zuneigung gesonnt. Aber wahrscheinlich hat diese dämliche Frauenzeitschrift mit ihrem Test recht: Erik war vermutlich nicht immer nur galant gewesen, sondern wohl auch ständig voll schlechten Gewissens!
Hinter Verena liegt ein anstrengender Tag im Archiv. Eine ganze Ladung an Dokumenten muss archiviert werden, die aus dem Nachlass eines gräflichen Nachfahren freigegeben wurden. Sie schenkt einen freudigen Gedanken Martin, der nächste Woche sein Praktikum bei ihr anfangen soll. Der kann sicher einen ganzen Packen Arbeit schaffen. Vielleicht lenkt er sie auch ein wenig von ihrem Kummer ab. Denn egal, wie viel Arbeit sie auf dem Tisch hat: Los wird sie die piesackenden Stiche nie ganz, die ihr in Kopf und Magen zu stechen scheinen, seit sie Eriks Frauen-Beschaffungs-“Laden“ zufällig entdeckt hat.
Es ist ihr unangenehm, wie Liliane sie in den letzten Tagen oft mustert, wenn sie glaubt, Verena bemerke es nicht. Das Mädel spürt, dass Verena nicht die alte ist. Auch, wenn sie das auf Nachfragen natürlich vehement verneint und ihre matten Augen nur auf allgemeine Herbstmüdigkeit schiebt.
Seit vorgestern ist Verena allein zu Hause.
Ihr Mann musste zu einer Dienstreise nach Rostock aufbrechen. Nicht ganz klar ist ihr noch, ob sie sich eher befreit fühlen soll – weil sie ihr Wissen um ihn nicht vor seinen Augen verbergen muss und auch noch so tun, als sei nichts. Es ist so unglaublich anstrengend! Oder aber, ob seine Abwesenheit mit diesem neuen Wissen ihr noch mehr Stiche versetzt? Seit sie die Internetseite gesehen hat, vergeht eigentlich keine Minute, die Erik außer Haus ist, in welcher sie sich nicht fragt, was der gerade vorhat oder tut.
Böse Gedanken dringen wie fauliges Sickerwasser immer wieder und immer weiter ein, graben haarfeine Kanäle in die Oberfläche ihrer Beherrschtheit. Während sie gedankenverloren ein großes Glas Rotweins hin- und her schwenkt, denkt sie über Eriks verschiedene Gesichter nach.
Erik, der lebenssprühende, fast immer gut gelaunte, mitreißende Erik.
Auf Verena hat er stets belebend und prickelnd wie Himbeerbrause gewirkt. Oder Prosecco. Wenn er sie anstrahlte, eine seiner Anekdoten, einen seiner Witze erzählte, verdampften trübe Gedanken meist wie Nebelfetzen in der Morgensonne. Wenn er sie mit seiner ihm innewohnenden Begeisterung für alles mögliche mitriss, ließ sie sich nur zu gern in seinem Schlepptau treiben. Wenn er sie berührte, schossen neue Lebenskräfte durch ihre Muskelfasern und Adern.
Gerade bohrt sich ein weiterer Widerhaken in ihre Gedanken.
Eriks Sinn für Abwechslung im Bett ist legendär. Auch hier hatte sie sich nur zu gern auf seine ständig wechselnde Ideen und Szenarien eingelassen. Doch fragt sie sich jetzt, woher er diese immer neuen Inspirationen wohl genommen haben mag? Waren das immer nur seine Phantasiegespinste, oder hatte er Inszenierungen und Praktiken von anderen Gespielinnen einfach nach Hause importiert?
Verena erschrickt: Das manchmal in solchen Momenten Fremde an ihrem Mann hatte sie bisher als erotisch und verführerisch empfunden. Doch – war er dann oft gar nicht bei ihr, sondern in Gedanken vielleicht mit einer ganz anderen gewesen?
Eriks Facetten zerfallen. Sie zerbrechen wie eine Sektflöte auf harten Fliesen in zusammenhanglose Splitter. Was ist ihr Mann Erik, was war oder ist in Wirklichkeit ein anderer: Der Liebhaber einer anderen Frau, oder gar anderer Frauen – nur zufällig in ihrem Bett?
Während er ihr Lebenselixier schlechthin war, hatte sie selbst für ihn möglicherweise immer nur ein Gourmethäppchen unter vielen dargestellt. Verena schlägt plötzlich, ohne sich dessen selbst bewusst zu sein, wie rasend auf die Zeitschrift und Couch ein. Eine nie gekannte Eruption aus Wut, Enttäuschung und Rachegelüst entlädt sich.
Ja, Rache! Als ihr Arm zu schmerzen beginnt und ihr das Alberne ihres Tuns zu Bewusstsein kommt, hört sie genauso abrupt auch wieder auf. Nun weint sie wirklich. Wieder einmal.
„Warum eigentlich schreie ich ihm nicht ins Gesicht, was ich weiß? Warum konfrontiere ich Erik nicht mit seinem Doppelleben?“ Seltsam, dass ihr dieser Gedanke – bis auf den Moment, als sie die Internetseite zuerst entdeckt hatte – nie wieder gekommen ist.
Ach so, ja – Verena hatte der Sache auf den Grund gehen und herausfinden wollen, ob diese AlleinSegler-Tour nur eine Eriksche Spielerei ist. Oder ob er sie wirklich als austauschbares Requisit unter vielen in seinem Leben betrachtet. Sie wollte sich doch Klarheit verschaffen!
Aber die vergangenen Abende war Erik daheim und sonnigen Gemüts wie immer gewesen. Sie hatte ihr Vorhaben vergessen. Das ist ihr schon einige Male aufgefallen: Der Kummer macht ihr Gehirn zu Brei; alles Wichtige wie Unwichtige vergisst sie einfach. Den Abgabetermin für die Zuarbeit an ihren Chef vorgestern. Den Wohnungsschlüssel gestern. Die Blumen zu gießen, na eben, das auch! Und also überdies sogar, Erik nachzuspionieren.
Die harten Schluchzer pressen auch ihre Rachegefühle weiter nach oben. Und genauso plötzlich, wie sie gerade auf das Sofa eingeprügelt hatte, weiß sie, was sie tun wird: Sich tatsächlich rächen. Rächen für den unbeschreiblichen Schmerz im ganzen Körper, den die Erkenntnis mit ihr anstellt, nur eine von vielen für ihren so sehr geliebten Erik zu sein.
Verena klappt ihren Laptop auf. Ein großer Schluck Wein, bevor sie sich dem Anblick der potentiellen Gespielinnen ihres Mannes aussetzt. Sie tippt Traumdate4U.de in die Internetbrowser-Zeile ein und holt sicherheitshalber tief Luft, als sich die Seite öffnet. Für das, was sie nun vorhat, braucht sie Eriks Kennwort gar nicht! Sie wird ihr eigenes haben.
„Wie will ich denn hier heißen?“, überlegt sie, trotz ihrer Verzweiflung nicht ganz ohne ein hinterhältiges Lächeln, das kurz über ihr verweintes Gesicht huscht. „Schätzchen“, „Mäuschen“, „heißes Luder“? Sicher alles bereits vergeben … Außerdem allesamt dämlich.
Die unglückliche Seherin aus den antiken Sagen kommt ihr in den Sinn: Kassandra. Die alles Üble kommen sah, ohne es abwenden zu können. Passt irgendwie zu ihrem momentanen Gefühl. Verena tippt das Wort ein, doch als Benutzername ist es bereits vergeben. Sie probiert es mit „BlueCassandra“ – blau oder auch traurig, wie man will. Und damit hat sie Erfolg; dieser Profilname lässt sich registrieren. Sie klickt auf „Name speichern.“
So, das wäre erledigt. Verena atmet tief durch, als habe sie Großes vollbracht. Jetzt wird es ernst, jetzt werde ich dir eine Lehre erteilen, die du nie vergisst, denkt sie grimmig.
Es vergehen exakt sieben Sekunden, dann erscheint mit einem „bling“ auf ihrer Bildschirmoberfläche ein kreditkartengroßes Chat-Fensterchen mit der Anfrage von rudi-rammler666: „Dein Profil macht mich an. Lust auf Spaß?“
Während sie sich noch wundert, wie jemand in sieben Sekunden ein Nutzerprofil gelesen haben und überdies noch einen Text getippt haben kann und sich außerdem auch noch die Frage auftut, was rudi-rammler666 wohl an ihrer bisher ziemlich leeren Profilseite so anmachen könnte, klappen immer neue Chatfenster auf.
Augenblicklich fühlt Verena sich umzingelt. Wie viereckige Augen, die sie aus dem Monitor heraus anstarren. Fühlt sich umstellt wie von einer kläffenden Hundemeute. Angriffslustige Tiere, auf ihr Fleisch aus. Jedes Fenster öffnet sich in diesem Programm mit einem Gong. Sie merkt Wut in sich aufsteigen in diesem Trommelfeuer des bling, bling-blingblingbling-bling. Kommt mit dem Schließen der Fensterchen gar nicht mehr nach. Wie beim Märchendrachen, dem für jeden abgeschlagenen Kopf zwei neue wachsen.
„Hey, was machst du gerade?“ „hallo süse, hast du cam für eine geile nummer?“ „Will dich kennenlernen, gruß Hard Dick“, „Neu hier? Wollen wir erst chatten, oder lieber gleich poppen?“ Ratlos hockt sie vor dem Bildschirm. Sie schaudert.
Kann man das abstellen? Ihr Blick rast über die Seite. Bei „Chateinstellungen“ findet sie ein Rädchen; dort kann man auf „offline“ gehen. Endlich verstummt das hektische Aufklappen immer neuer Anfragen. Das, was sie vorhat, braucht Zeit und vor allem Ruhe.
Sie nimmt sich die Rubrik vor, welche „Nutzerprofil“ heißt. Ein Foto wird verlangt. Das muss warten, denn natürlich will sie nicht ihr eigenes hochladen. Sie soll ihre Stadt eingeben. Leipzig und Umkreis 100 km, das passt schon. Maße und Gewichte? Da mogelt ohnehin jeder.
Erik steht auf schlank, aber nicht mager. Also trägt Verena hier 1,72 m ein und ihr fast erreichtes Wunschgewicht: 64 kg. Hobbys? Kurz überlegt sie. Es muss ihn halbwegs interessieren, ergo nah dran sein an seinen Interessen, aber wiederum nicht zu nah.
„Sport, vor allem schwimmen und segeln. Reiten. Tolle Urlaubsreisen machen. Konzerte besuchen. Kino. Essen gehen, am liebsten Thailändisch oder Italienisch. Alles, was man (nicht nur) im Bett machen kann ;-)“
So, das wären also Dinge, die Übereinstimmung herstellen würden. Nun noch ein paar Extras: „Ich lese gern, gehe auch mal ins Ballett und liebe Ikebana.“ Wie sie auf letzteres kommt, weiß sie selbst nicht, aber egal, das klingt zumindest nicht nach Schema F.
Unter „Interessiert an …“ kreuzt sie „Spaß“, „lockere Beziehung“ und auch „feste Beziehung“ an. Es soll offen wirken; einem Abenteuer nicht abgeneigt, aber ansonsten solide. Vermutlich die Mischung, die am überzeugendsten für eine Frau Ende Dreißig wirkt (Verena hat sich ein paar Jahre ihres tatsächlichen Alters geschenkt.)
Nun noch eine kurze Selbstbeschreibung. Das ist das Kniffligste, doch weiß Verena aus diversen Frauenzeitschriftenartikeln zum Thema „Partnerschafts-Portale“, dass eine solche Kurzbeschreibung bei den potentiellen Lesern der Profile gut ankommt.
Verena nagt an ihrer Unterlippe. Soll sie neckisch-dümmlich rüberkommen? Zielstrebig? Sexgierig? Naiv? Mondän? Wo beißt Erik am ehesten an?
Sie geht nicht ohne schmerzliches Gefühl im Bauch die Frauen durch, von denen sie weiß oder ahnt, dass Erik auf sie steht: Kaley Cuoco, Angelina Jolie, Emilia Clark, Scarlett Johansson. Diese Blonde damals, im Keller der Konzerthalle, die Verena auf der Suche nach Erik hatte an jenem klebend entdecken müssen.
Sie entscheidet sich für eine Mischung aus mondän, also etwas geheimnisvoll, plus „auf Sex aus“. „Wenn du mich kennenlernst, wirst du eine Katze erleben, die von Schnurren bis Kratzen alles drauf hat. Ich bin für alles zu haben, was Spaß macht und interessant ist. Gartenparty mit viel Bier und deinen Fußballkumpels … gehört definitiv nicht dazu! Niveau wird geboten und auch erwartet! Wenn ich mit dir noch Neuland betreten kann, gern auf erotischem Gebiet, wäre das toll! Ich erwarte von einem Partner, dass er nicht nur gut und vor allem gepflegt aussieht – das setze ich jetzt einfach voraus, da ich selbst ja auch einiges zu bieten habe. Du solltest auf alle Fälle intelligent sein (vorzugsweise HSA), eigenständige Interessen haben und überhaupt wissen, wo es langgeht. Geld ist kein Hindernis! In meiner Phantasie entdecken wir eine schöne Stadt – irgendwo, wo es warm ist – inklusive kultureller und kulinarischer Höhepunkte. Wir gehen gemeinsam schwimmen, um dann nach einem exklusiven Dinner im Mondschein herauszufinden, was man nur allein zu zweit alles anstellen kann! Ich freue mich auf deine Bekanntschaft.“
Verena liest den Text noch einmal durch. Müsste passen, sie klickt auf „speichern“. Als wäre ihr mit der Kreation von „BlueCassandra“ ein neues Leben zugewachsen, fühlt sie sich plötzlich wieder stärker, beinahe unternehmungslustig!
MARGIT
Margit schwebt. Margit möchte laut singen. Margit vibriert voller Energie, die scheinbar unerkannt in ihr schlummerte und nun unbedingt heraus will. Sie muss den Impuls unterdrücken, wie ein Kind von Steinfliese zu Steinfliese auf dem Gehweg zu hüpfen, ohne die Fugen zu berühren. Margits Magen verkrampft manchmal ohne Vorwarnung vor Schreck, was sie da angefangen hat. Doch dann tiriliert es wieder unhörbar in ihr; nur ihre Nervenfasern beben unter diesem lautlosen Gesang.
Gleichzeitig legt sie daheim die Wäsche, wischt den Küchenfußboden, sortiert auf Arbeit Bücher aus Regal G aus, die nach Regal K gehören. Verlängert mit sanfter Mahnung momentan nicht daheim auffindbare Kinderbücher im „Lesezimmer“ der Bernheimer Grundschule, spricht mit Gregor über den nächsten Kinobesuch, stopft Martins verschwitzte Sporthemden in die Waschmaschine, gießt Topfpflanzen. Ein eigenartiger Zustand, unwirklich komplex.
Dauernd zerbricht sie sich den Kopf darüber, ob sie die Handynummer anwählen soll, die auf dem schon recht lädiert wirkenden Zettelchen steht, das Nikola ihr in die Hand gedrückt hat.
Geht das – so ganz unverfänglich? Was wird er denken? Gut – er hat ihr selbst diese Nummer gegeben. Aber hat Oma nicht stets ermahnt: „Wer da will was gelten, mache sich selten!“? Und was genau ist unverfänglich?
Margit muss sich eingestehen, dass ihre Gedanken alles andere sind als das. Immerfort tauchen vor ihr Bilder auf: Nikolas Hände mit der Narbe am Daumen. Man könnte die eigenen Finger mit seinen verschränken. Die paar Brusthaare, die aus dem V-Ausschnitt seines Shirts lugen. Ob sie an der Wange kratzen? Massive Schultern, von denen die Jacke schnurgerade herabhängt. Man könnte sich unter sie schieben, um den Schultern näherkommen als die Lederjacke. Und immer wieder Momentaufnahmen seines Gesichts: Der gerade Haaransatz, die Bartschatten, die aufgebogenen Wimpern. Nie schafft sie es, sich sein Gesicht im Ganzen vorzustellen.
Nicht zum ersten Mal ertappt sie sich dabei, diesen Mann dem Hier und Jetzt zu entziehen, in andere Zusammenhänge, andere Zeiten und Umstände zu bringen. Sie hat versucht, ihn sich als aromunischen Händler von vor hundertfünfzig Jahren vorzustellen – ein weitgereister Mann, der edle Tuche in den Städten rings ums Mittelmeer verkauft. Irgendwie ist es ihr nicht gut gelungen, vielleicht fehlt ihr einfach zu viel konkretes Wissen über das Leben jenes Volkes?
Statt dessen, findet sie, würde Nikola sich gut als Besetzung machen in einem Roman über einen römischen Senator. Einen edlen Kreuzritter, der im 12. Jahrhundert ins Gelobte Land aufbricht, viele Abenteuer besteht, Anschlägen entgeht, aber niemals jemanden umbringt. Oder wenn, dann nur in Notwehr.
Oder, wie wäre es mit einem irgendwie-südlichen Volkshelden? So einem, der Frauen und Kinder aus Feuersbrünsten, Kugelhagel oder hereinbrechenden Wasserfluten rettet, ohne auf sich zu achten oder gar Dank zu erwarten. Ein Typ, der Dinge tut, weil sie getan werden müssen. Und keiner außer ihm da oder in der Lage dazu.
Selbst dann, wenn Margit an ihn im Heute denkt – als der Metzger und Fußballjuniorentrainer, der er ist – erlebt sie, wie er ihre ohnehin selten müßige Phantasie permanent auf Touren hält. Und nicht nur die Phantasie, auch ihr Denken nimmt neue Wendungen. Immer wieder erlebt Margit neuerdings, wie sie auf einmal die Dinge um sich herum anders betrachtet. Ganz so, als nähme sie seinen, Nikolas Blickwinkel ein.
Was würde er zu den Bücherwänden aus deutschen Buchstaben in der Bibliothek und in ihrem Wohnzimmer sagen – der Mann, der zwar Deutscher ist, aber die Sprache doch nicht völlig akzentfrei spricht? Wie würde er über ihren Abendbrot-Tisch urteilen, auf dem sich inzwischen nur noch ein Tellerchen Kochschinken allein für Margit fast schamhaft zwischen all den Gemüseplatten, Tofuschnitten und Käseecken verbirgt – er, der tagtäglich mit frischem Fleisch hantiert und Wurst macht, die dezent nach Blut und kräftig nach Pfeffer und Majoran duftet? Was hielte er vom alltäglichen Chaos, das eine Familie nun mal verbreitet – er, ein Mann, der allein lebt? Fände er es belebend oder eher nervig?
Die Welt wirkt auf einmal bedeutungsvoller. Hinter der sichtbaren Oberfläche der Dinge verbirgt sich eine weitere, denn Margit sieht auf einmal wie durch seine Augen. Da sie jedoch Nikolas Denkweise gar nicht wirklich kennt, werden es immer mehr, neue mögliche Oberflächen, durch die sie schließlich wie durch Buchseiten blättern kann. Ihre Welt ist mehrdimensional geworden.
Am Mittwoch, in der Mittagspause, als sie gerade Hellas Ansinnen entwischt ist, sie zum Mittagessen zu begleiten, tippt Margit die Nummer von dem vielfach gefalteten Zettelchen, das sie stets in der Hosentasche herumträgt, in ihr Handy. Sie hat sich so ruckartig entschlossen, dass sie einmal abrutscht und anstatt einer 2 eine 3 erwischt. Hastig löscht sie die Ziffern und versucht es erneut.
Mittwoch, ist ihr klargeworden, gibt einen hervorragenden Tag zum Anrufen ab. Nikola kann sie nicht für denselben um ein Wiedersehen bitten – sofern er das überhaupt vorhat – denn da trainiert er ja die E-Jugend im Fußball.
Aber es ist der Tag vor Donnerstag. Und Donnerstag ist ihr freier Nachmittag. Wie gemacht dafür. Voller Schreck fällt ihr ein, dass ja ihr eigener, freier Nachmittag nicht automatisch auch einen freien Nachmittag bei ihm bedeutet.
Doch da tutet bereits das Freizeichen in ihrem Ohr. Beim dritten Mal wird das Tuten ersetzt durch ein etwas barsches: „Paligora?“ Das „r“ rollt.
Margits Herz verpasst wiederum einen Schlag. Was heißt das; ein aromunischer Gruß vielleicht?
Etwas ungeduldig kommt ein „Hallo? Wer ist da?“ aus dem Hörer.
„Nikola! Ich hab das erste Wort nicht verstanden -“
„Margit? Bist du das?“ Sie bemerkt das Lächeln, das seine Stimme gleich weicher macht.
„Ja, ja. Ich bin das. Wollte mich nur mal melden, Herr … Fritzsche.“
Moment des Schweigens, bis ihm klar wird, dass er gemeint ist.
„So heiße ich aber nicht!“
„Nicht? Aber sagtest du nicht, dein Vater heißt Holger Fritsche?“
„Ja. Der schon. Aber ich nicht. Nach der Scheidung hat meine Mutter ihren alten Mädchennamen wieder angenommen. Und meinen gleich mit geändert.“
„Ach so. Und wie heißt du dann jetzt?“
„Paligora. Nikola Paligora. Alter aromunischer Name.“ Das „aromunisch“ betont er nachdrücklich und lacht.
„Aha. Klingt schön. Paligora. Pa-li-go-ra. Irgendwie italienisch oder so.“
„Und weißt du auch, was er bedeutet?“
„Das war jetzt aber eine rhetorische Frage, oder?“
„Natürlich ist das rhetorisch. Du sollst jetzt ja auch:Und, was bedeutet er? fragen, damit ich damit angeben kann.“
Margit grinst und fragt mit übertrieben mädchenhaft-bewunderndem Tonfall und zartem Stimmchen, gemäß der Vorlage: „Und – was bedeutet er, der Name Paligora?“
„Das Wort ist aus dem Griechischen, paligorisi, in das Aromunische gekommen – oder andersherum, weiß ja keiner, was eher da war. Heißt so viel wie Berater. Oder Streitschlichter.“ Nun schwingt beinahe kindlichem Triumph in seiner Stimme.
„Ja, das ist echt beeindruckend“, foppt sie ihn daher und fährt dann, etwas ernster, fort: „Also ein Mann der Gerechtigkeit.“
„Hm, könnte man so sagen.“
„Ich hoffe, du machst deinem schönen Namen Ehre?“
„Aber ja doch. Ich bin immer sehr weise und unglaublich gerecht.“
Einen Moment lang herrscht Schweigen. Sie weiß, jetzt muss sie anknüpfen, warum sie überhaupt anruft. Was nur sagen?
Als ahne er dies, hilft Nikola ihr aus der Patsche. „Margit, hör mal. Ich muss jetzt gleich Schluss machen, meine Mittagspause ist um. Ins Geschäft kann ich mein Handy nicht mitnehmen. Wollen wir was ausmachen, wann wir uns sehen?“
Dankbar ergreift sie die gebotene Überleitung. „Richtig, du wolltest mir noch den Rest deiner Geschichte erzählen!“
„Stimmt. Wenn du magst. Wie sieht es bei dir mit Freitag aus?“
„Oh nee. Freitag gehe ich, ähm, gehen wir ins Kino. Nach Bernheim. Hättest du nicht vielleicht schon morgen Zeit? Ich hab da einen freien Nachmittag und muss viele Besorgungen machen und -“
„Und könntest mich da irgendwie dazwischen quetschen?“, erwidert Nikola ironisch.
„Na ja -“, gibt sie vage zu.
„Ich kann aber trotzdem nicht zumachen vor sechs! Donnerstags kommen viele Kunden. Geht es danach?“
Margit ist einen Augenblick lang still. Als überlege sie, ob das denn geht. Obwohl ihr klar ist, dass es natürlich geht – weil es gehen muss! Sie wird sich etwas für daheim als Erklärung einfallen lassen.
„Ja, würde gehen.“ Das soll nicht zu enthusiastisch klingen.
„Klasse. Dann treffen wir uns so, wie voriges Mal. Am Hintereingang! Mach‘s gut, liebe Margit!“ Dann klickt es und die Leitung ist wieder frei.
DANIEL
Es ist acht Uhr, Daniel muss sich beeilen. Um neun bereits soll der Vorvertrag mit Nikulow in dessen Büro unterzeichnet werden. Um eins geht sein Flieger. Aber dazwischen … Dazwischen, irgendwie, irgendwann, muss sich eine Situation auftun, in der er Tatjana seine Gefühle offenbaren kann.
Wenn sie ihn dann abweist: Auf und davon nach Deutschland, die Schmach und den Kummer in Sicherheit bringen. Falls sie ihn nicht abweisen sollte: Was dann? Sie kann ja nicht einfach so auf und davon mit ihm gehen, wie im Märchen die Prinzessin mit dem Prinzen in sein Land.
Daniel findet vor dem Hotel keinen Fahrer für ihn vor. Ob die ihn vergessen haben? An der Rezeption weiß keiner Bescheid. Schließlich wird zumindest ein Taxi gerufen, und er erreicht zeitlich knapp das Gebäude der MED-TOM. Tatjana läuft ihm schon beim Empfang entgegen. Auf seine Erklärung, dass er etwas spät dran sein, weil der Fahrer nicht kam, reagiert sie bestürzt.
Ihr Gesicht wird blass, rote Flecken erscheinen auf den Wangen.
„Das darf nicht sein, ich kümmere mich darum!“, ruft sie und ergreift ein Rezeptionstelefon. „Es tut mir so leid. Die Herren warten oben schon!“
Daniel nimmt den Lift, er kennt ja den Weg inzwischen.
Im Besprechungszimmer empfangen ihn Nikulow, Pljutschenko und die dicke Russin vom letzte Mal mit der angemessenen Verbindlichkeit und dem freundschaftlich daherkommenden Überschwang, der absolut nichts mit persönlichen Sympathien zu tun haben muss. Bis Tatjana herein eilt, bleibt die zur Schau getragene Herzlichkeit natürlich vor allem nonverbal.
Die Dolmetscherin geht hastig auf Nikulow zu, der ihr streng entgegen schaut. Tatjana berichtet offensichtlich, warum der Fahrer Daniel nicht rechtzeitig abgeholt hat, Nikulow macht ihr gegenüber eine knappe Handbewegung, nickt und spricht kurz mit Pljutschenko.
Tatjana zieht sich wieder auf ihre Dolmetscher-Position zurück.
Die erste halbe Stunde ist mit dem betont höflichen, aber zähen Tauziehen um Termine und Summen aus dem Vertrag angefüllt. Daniel hat sich angewöhnt, immer ruhig zu bleiben, aber auch nicht von seinen Forderungen abzugehen. Erstaunlicherweise klappt das fast immer. Auch Nikulow und sein Adjudant stecken schließlich die Köpfe zusammen, winken dann Frau Bobikowa dazu.
Deren Gespräch wird schnell hitziger, offenbar vertritt Igor Pljutschenko eine abweichende Position. Russische Brocken fliegen zwischen ihnen hin und her. Während Frau Bobikowa immer wieder ihren halslosen Kopf über ihrem Busen auf- und abhüpfen lässt, was ihr etwas von einer Kröte verleiht, streiten die Männer offen.
Schließlich macht Nikulow eine wegwerfende Handbewegung und öffnet dann die Hände vor sich, als offeriere er etwas.
Daniel und Tatjana werfen sich unterdessen von verschiedenen Seiten des Raumes her besorgte Blicke zu.
Dennoch kann Daniel seine Freude kaum verbergen: Es schafft zwischen ihnen ein Band des Einvernehmens. Es fühlt sich geheimnisvoll, etwas verschwörerisch und in jedem Falle elektrisierend an.
Nikulow wendet sich schließlich wieder Daniel zu, weist dabei mit ausgestrecktem Zeigefinger auf Tatjana in ihrer Ecke, ohne sie auch nur anzusehen, und gibt ihr so den Einsatz zu neuerlicher Übersetzung.
„Herr Nikulow ist bereit, den Vertrag in zwei Monaten mit der Firma Ceta-Medizintechnik endgültig zu unterzeichnen. Er akzeptiert die 51 %-Regelung, möchte dafür aber die Sparte der – “, einen Moment stoppt Tatjana und kramt in ihrem Gedächtnis nach der richtigen Vokabel, „ähm, den Bereich Anästhesiezuführung mit aufnehmen, wie er es zuvor schon erläutert hat.“
Daniel nickt innerlich, lässt sich vor Nikulow aber keine Gemütsregung anmerken. Genau so hat er es kommen sehen, darauf hat er ja hingearbeitet! Er atmet tief ein und lässt einige Sekunden vergehen. So, als müsse er den Vorschlag bedenken.
Schließlich nickt er erkennbar, steht auf und schüttelt Nikulow die Hand.
„Den Vorvertrag bekommen Sie zugesendet, die Unterschrift kann – elektronisch gesichert – vorgenommen werden. Falls es noch Änderungswünsche geben sollte, wenden Sie sich bitte zuerst an uns“, erklärt Tatjana das weitere Vorgehen.
„Ja, wegen der Anästhesiezuführungsgeräte, die Informationen dazu haben Sie ja bereits alle bekommen. Im Paket wäre, wenn wir das so absprechen, noch eine Schulung russischer Mitarbeiter hier vor Ort inklusive, damit sie genau wissen, was sie da weitervertreiben, nicht wahr“, wendet Daniel sich an die neuen Geschäftspartner.
Eine Tür öffnet sich, es werden Getränke und Häppchen serviert, offensichtlich ist der offizielle Teil hiermit beendet. Daniel hat keinen Hunger. Im Gegenteil ist ihm der Magen wie mit Steinen gefüllt, wenn er daran denkt, dass er bis zum Flug noch mit Tatjana sprechen muss. Höflicherweise greift er dennoch nach einem Kaviar-Ei und kippt, obwohl es ihn schüttelt, schon zum frühen Morgen den Vertrags-Wodka herunter.
Bestürzt gewahrt er aus den Augenwinkeln, dass Tatjana sich zum Gehen anschickt. Was, sie verlässt ihn hier schon, jetzt? Der Wodka brennt in der Kehle. Da kommt sie bereits schwungvoll auf Pljutschenko und Daniel zu: „Ich möchte mich verabschieden“, sie schließt einige Worte auf Russisch an Nikulow gewandt an, dann dreht sie sich zu Daniel um, dessen Atmung schon seit vier Sekunden aussetzt.
„Und Sie – ich meine dich -“, ein belustigter Ausdruck huscht über ihr Gesicht, „dich setze ich nachher am Flughafen noch in den richtigen Flieger. Ich will ja nicht, dass du abhanden kommst!“ Sie lächelt. „Ich bin in zwei Stunden in der Abfertigungshalle“.
Geschmeidig reicht sie ihm ihre Rechte. Und da – ist das etwa eine optische Täuschung?
Nein, sie hat ihm in Sekundenbruchteilen mit dem linken, dem Nikulow abgewandten Auge zugezwinkert! Einen Moment behält sie ihn noch im Visier, um zu überprüfen, ob das stumme Signal bei ihm angekommen ist. Das Lächeln auf ihrem Gesicht bleibt. Auch als sie bereits gemessen durch die Tür hinaus schreitet.
Daniels Körperfunktionen sind seltsam im Aufruhr. Einerseits alles bis an die Übelkeitsgrenze gespannt vor Aufregung, ob er sein Geständnis überhaupt loswerden kann; und noch mehr, wie es wohl aufgenommen wird. Gleichzeitig hat dieses Augenzwinkern, Botschaft stillen Einverständnisses, ihm einen Hoffnungsschub ohnegleichen versetzt. Es ist nicht der morgendliche Wodka, der ihn ein wenig benommen macht.
Es ist ihm eine Qual, noch so lange mit den Russen und ohne Übersetzerin ausharren zu müssen. Pljutschenko, der halbwegs Englisch spricht, hat sich der etwas rudimentären Konversation angenommen; man lobt kauend und nickend die Schinkenröllchen und den Kaviar, macht ein paar Bemerkungen zum vorzeitig eisigen Herbst in Tomsk. Endlich gibt der Vizechef Nikuow mit einem erneuten Handschlag das Zeichen zum Aufbruch.
Frau Bobikowa geleitet Daniel noch bis zum Ausgang und lässt ihn in einem alten Audi Platz nehmen, der zur Fuhrkolonne der Firma zu gehören scheint.
Der Fahrer setzt ihn keine halbe Stunde später am Flughafen ab. Viel bleibt Daniel nicht zu tun. Sein Handkoffer als ständiger Begleiter. Er kramt einen E-Book-Reader hervor, dort lädt er ab und an Thriller und regelmäßig Managermagazine herunter, falls er mal Leerlauf hat, so wie jetzt. Die Abflughalle ist klein; sie erinnert an einen Provinzbahnhof.
Russen mit großem Gepäck sitzen und stehen herum; viel gesprochen wird nicht, irgendwie wirken die meisten missmutig. Nur ein kleiner Junge in schicker Kleidung, die wie eine Miniaturausgabe aus einem lässig-modernen Herrenausstatter wirkt, rennt zwischen den Wartenden umher. Daniel liest erst einmal all seine neuen Mails und dann den aktuellen BusinessPunk.
Doch er ist nicht bei der Sache.
Schließlich – er hat seine Armbanduhr bereits oben auf den Jackettärmel geschoben, weil er ständig danach schaut, schwebt Tatjana auf ihren hohen Stiefelabsätzen herein. Inzwischen ist Daniel so mürbe, dass er ihre Ankunft wie eine Erlösung empfindet hat. Selbst, wenn es lediglich seine Vernichtung wird. Nur nicht länger diese Ungewissheit.
Die junge Frau hingegen scheint unbekümmert wie immer. Die Kälte hat ihre Wangen gerötet, was sie womöglich noch ein paar Jahre jünger erscheinen lässt, als sie wirklich ist.
„Wie alt bist du eigentlich?“, platzt er mit dieser Frage deshalb nach der Begrüßung und einigen Floskeln heraus. Knapp, bevor sie die Kontrolle in seinem Gehirn passieren konnte, welche sonst seine Äußerungen auf Angemessenheit und Höflichkeit untersucht, bevor sie den Mund verlassen.
Tatjana starrt einen Augenblick konsterniert auf ihn, dann prustet sie heraus, offensichtlich bestens amüsiert: „Na, das ist doch mal charmant! Wie alt ich bin? Seid ihr Deutschen immer so direkt?“
„Nein, nee, natürlich nicht, tut mir leid“, windet er sich darauf, von Scham zerfressen. Nun hat er es versaut.
„Jedenfalls zu alt, als dass du mich so was fragen dürftest – als wohlerzogener Gentleman.“
Daniel kann nichts erwidern, er sieht aus, als habe er in einen Zitrone gebissen. Tatjana mustert ihn, immer noch belustigt, und erklärt: „Aber ich sage es dir trotzdem. Allerdings nur, wenn du mir dann auch sagst, wie alt du bist!“
„Ich bin 43“, beeilt Daniel sich.
„Hm. Ich noch nicht“, sie legt den Kopf schief, als müsse sie sich erst erinnern und legt eine dramatische Pause ein, „Ich bin 35. Jetzt zufrieden? Oder was willst du alles noch über mich wissen?“
Sie kichert. Tatsächlich, sie kichert! Offenbar macht ihr das alles hier riesigen Spaß, während Daniel fast durchdreht.
Er schluckt, einmal. Trocken. Noch einmal. Nicht besser. Seine Stimme kommt ihr seltsam vor, als habe sie ihren Klang verloren, da er jetzt alles wagt: „Vieles. Vieles, Tatjana. Mehr, als jetzt Zeit bleibt zu fragen. Ich möchte … Ich würde gern …“, er ringt nach Worten, sie blickt ihm still ins Gesicht und wartet gelassen ab.
„Weißt du, Tatjana; ach, was soll ich denn jetzt sagen! -“, hilflos hebt er die Arme und lässt sie wieder fallen, „Ich finde es furchtbar, dass ich jetzt hier weg muss. Von dir weg muss. Ich glaube, ich denke …, ich habe mich in dich verliebt!“
Nun ist es heraus, Daniel fühlt sich wie ein Luftballon, dem mit einem einzigen Knall die Luft entwichen ist. Leer. Er hat gerade alles gegeben, was er konnte. Egal, was Tatjanas Verdikt über ihn sein wird.
Sie schaut ihm zwei, drei entsetzlich lange Sekunden aufmerksam weiter ins Gesicht, ohne eine Miene zu verziehen. Dann tritt sie eine Schritt auf ihn zu, ihre Mäntel berühren sich. Legt ihm die Hände seitlich auf die Schultern. Eine beschwichtigende, eine beschützende, einfühlsame Geste. Ein Lächeln breitet sich von den Augen über ihre Mundwinkel aus: „Das hast du schön gesagt, Daniel. Und ich finde es ziemlich mutig, dass du das jetzt ausgesprochen hast. Es macht alles … nicht einfacher“, sie schüttelt den Kopf, eher zu sich selbst, und fährt fort: „nicht einfacher. Aber ein bisschen klarer. Ich mag dich nämlich auch, Herr Junghans.“
Er steht da wie betäubt. War das jetzt Wirklichkeit? Erlöst legt er die Hände leicht um ihre Hüften, blickt immerzu in ihr Gesicht, das Wärme auszustrahlen scheint. Wenn ihn nicht alles täuscht, sieht auch die hauptsächlich in schäbiges, kaltes Hellgrau getauchte Abflughalle um sie herum plötzlich sonnengelb aus.
Während Daniel sich nicht rühren kann, sich nicht rühren will, gibt Tatjana ein winziges Schnauben von sich, schüttelt die Haare zurecht und fummelt aus ihrer Handtasche ihr Smartphone. Kritzelt –ihre Tasche als Schreibunterlage – ihre E-Mail-Adresse und eine Telefonnummer auf die Rückseite eines Bustickets, malt ein „Татй“ darunter und drückt es ihm in die Hand. „Wenn du noch weiter reden willst. Würde mich freuen. Und nun geh! Die haben den Flug jetzt schon zum zweiten Mal aufgerufen!“
Als sie ihm einen leichten Klaps auf den Arm gibt, der ihn aus seiner Erstarrung aufwecken soll, kommt sie ihm trotz ihrer Jugend irgendwie mütterlich vor. Daniel will vor dieser märchenhaften Frau, die ihn gerade schön wie die Sonne selbst dünkt, dastehen als ein strahlender Held in schimmernder Rüstung; als der Mann, der sie aus den sibirischen Kälten retten kann. Das Schwert lässig in der Faust, allüberlegen.
Statt dessen streift ihn einen Sekundenbruchteil die Anmutung, zu schrumpfen auf ABC-Schützen-Höhe: Von der Mutter morgens in der Dämmerung auf den Weg zur Schule geschoben, obwohl er sich lieber noch ein wenig im warmen Haus an sie gedrückt hätte.
Daniel lässt sich also artig von ihr wegklapsen. Läuft los. Dreht sich dann um – er wollte ja noch gar nicht gehen! Tatjana steht dort, wo sie soeben beide noch standen. Gelöst, heiter. Sie hebt die Hand und winkt ihm nach. Selbstgewiss. Ihm bleibt nur, zurückzulächeln, zurückzuwinken, sogar melodramatisch nach russischer Sitte die Hände gekreuzt auf sein Herz zu legen. Tatjanas Lächeln vertieft sich.
Ein Sicherheitsbeamter raunzt Daniel an, weil er die Personenkontrolle aufhält. Den Schnipsel mit Tatjanas Telefonnummer hält er noch umklammert, der Beamte knurrt und will ihm diesen fast aus der Hand reißen. Daniel knurrt zurück und verstaut ihn säuberlich tief in seiner Brieftasche, bevor diese auf dem Laufband durchleuchtet wird. „Tati“ hat sie auf Russisch darunter gekritzelt. Ihren Kosenamen.
„Nimm es als so eine Art Herausforderung. Einen Wettkampf mit dir selbst: Jede Woche ein halbes Kilo mehr auf der Waage.“ Jasmin macht ein möglichst ausdrucksloses Gesicht zu Dr. Neuberts Worten.
Herausforderung. Wettkampf. Wie durchsichtig das doch alles ist! Soll sie das Gerede am Ende motivieren zuzunehmen? Am liebsten möchte sie genervt die Backen aufblasen. Lässt es lieber. Nicht anecken, nicht länger als nötig hier sitzen müssen.
Er betrachtet sie lange. Nicht sehr intensiv. Eher so, als überlege er noch, ob er sich weiter mit ihr abgeben möchte oder nicht.
Doch dann spricht er wieder: „Wettkampf gegen deinen Körper. Das kennst du doch schon, stimmt’s? Eine Challenge?“ Sein Blick wird durchdringend, wenn auch nicht unfreundlich.
Jasmin zuckt die Schulter, „Weiß nicht…“
„Ach, das wundert mich jetzt. Das heißt doch Challenge, nicht wahr? Wenn die Pro Anas oder die With Anas zwei oder mehrere von ihnen bestimmen, die dann einen Hungerwettlauf starten: Welche von ihnen schneller mehr abzunehmen schafft? Die Gewinnerin ist die, welche selbstdisziplinierter ist, oder? Hast du so eine Challenge denn bisher noch nie mitgemacht?“
Jasmin schaut alarmiert auf. Über Dr. Neuberts Gesicht zieht ein Lächeln. „Du dachtest wirklich, wir kennen uns nicht aus, hm? Jasmin, sieh einmal: Wir Mediziner müssen uns mit solchen Dingen auseinandersetzen. Wie sollen wir helfen, wenn wir uns nicht auskennen? Die Gedankenwelt in der Internet-Forenwelt der ‚Anas‘ zu kennen ist unser täglich Brot!“
Er zögert einen Moment lacht dann, als Jasmin ebenfalls unwillkürlich die Mundwinkel verziehen muss: „Okay, das war jetzt ein bisschen eine schiefe Allegorie, das mit dem Brot!“ Sie stimmt in sein Lachen ein.
Nach einer Weile klopft der Arzt mit dem Kugelschreiber auf ihr Krankenblatt. Zurück zum Thema. „Ich kann mir vorstellen, dass das für dich grauenvoll klingt. Klingen muss. Zunehmen! Das ist doch alles, wogegen du bisher gekämpft hast! Und jetzt auch noch als Wettkampf! Nur eins ist dabei anders, Jasmin: Wenn du dich entschließen kannst, diese Herausforderung anzunehmen – dann wäre das diesmal nicht ein Kampf gegen, sondern mit deinem Körper. Für deinen Körper! Soweit klar?“
Jasmin nickt. Was auch sonst?! Sie findet Dr. Neubert wirklich nett, er kommt ihr sehr schlau und verständnisvoll und auch manchmal recht witzig vor. Alles, was er da gerade gesagt hat, klingt vernünftig, man muss ihm einfach zustimmen.
Und dennoch. Sie muss doch zu Lena und den anderen Pro Anas halten! Diese Mädchen haben sie in ihre geheime Welt aufgenommen, sie machen ihr Mut, sie verstehen, was Jasmin erreichen will. Selbst dann, wenn sie es nicht genau in Worte fassen könnte. Doch die Vokabeln „leicht, zart, rein, sauber“, die gefallen ihr, die liegen auf ihrer Skala ganz weit vorn.
‚Für meinen Körper kämpfen‘- tolle Sache! Nur, dass sie und die anderen Porzellanmädchen das eben auf etwas andere Weise machen, als Dr. Neubert es gern hätte. Geht es nicht am Ende sowieso vor allem immer darum, sich in seinem eigenen Körper wohlzufühlen?
Und ist es nicht für den einen eben der Fall, wenn sein Körper in Form von Muskeln durch viel Proteine und Sport stark ist? Und bei einer anderen eben lieber, wenn ihr Geist ihrem Körper befiehlt, den Sport selbst dann zu treiben, wenn die Muskeln unter konsequentem Nahrungsentzug ächzen, um an leidiger Körpermasse abzunehmen?
Das mit dem Abnehmen, das muss sie momentan erst einmal etwas verschieben. Denn ohne Zunahme kommt sie hier nicht raus, das ist sonnenklar. Sie wird Dr. Neubert und einen Mitstreitern also den Gefallen tun und so lange mehr Pfunde auf die vermaledeite Waage bringen – bis sie entlassen ist.
Danach wird sie nur noch in regelmäßigen Abständen gewogen. Und im Porzellanmädchen-Forum hat sie gelernt, wie man das geschickt austricksen kann: Einfach vor den Wiegeterminen so viel trinken, bis man fast vor einem Wasserkollaps steht! Das Wasser ist man einen Toilettengang später wieder los. Und damit auch das lästige Zuviel-Gewicht.
Sie kann nur hoffen, dass diesen Trick die Ärzte nicht auch schon kennen und jemanden auf dem Klo postieren, der aufpasst, dass man nach dem Wiegen nicht sofort dorthin stürzt! Und wenn schon – dann muss man eben noch ein paar Minuten länger durchhalten. Wer hungern kann, kann auch seine Blase kontrollieren, ist doch klar.
„Schön“ und „anerkannt“ sein: Ein grundlegendes Problem der Therapie von Magersucht ist, dass die Patienten ihre Krankheit nicht als Problem, sondern vielmehr als Lösung ihres Problems sehen!
Was sagt das Spiegelbild denn nun? Hat sie bereits zugenommen, kann man etwa schon sehen, dass sie erneut fett wird? Beim Wiegen gestern Nachmittag in der Praxis hat der Doktor anerkennend genickt und schwungvoll ein Plus von 4,5 kg in sein Formular eingetragen.
Selbst wenn die Hälfte davon Wasser war: Sie hat zugenommen. Jasmin hat sich ausgezogen und dreht sich vor dem Badspiegel zur einen und zur anderen Seite, biegt den Rücken durch, um verräterische Speckröllchen über den Rippen zu entdecken. Sie muss sich dazu gegen die Badezimmertür quetschen, denn nur so kann sie im Spiegel über dem Waschbecken mehr als nur den Oberkörper inspizieren.
Sie räumt Mamas Im-Haus-Schlabberklamotten vom kleinen Hocker in der Ecke auf den Badewannenrand und stellt sich darauf, um die Schenkel sehen zu können. Vorsichtig, denn bei solchen plötzlichen Aktionen hatte sie ja zuletzt oft ein verdächtiges Rauschen in den Ohren überfallen, oder ihr war schwarz vor Augen geworden. Doch nun klettert sie fast mühelos herauf und herab.
Jasmin seufzt. Sie ist unentschieden, was sie denken soll. Es ist ist unbestreitbar, dass sie sich objektiv viel besser fühlt, seit sie die vorgegebenen Portionen zu essen versucht oder notfalls das Fresubin schluckt. Keine Ohnmachtsgefühle, keine zittrigen Beine, selbst das permanente Frieren ist etwas besser geworden.
‚Eigentlich könnte ich froh sein‘, denkt sie. Ist es aber nicht: Anstatt, dass die Bauchdecke sich, wenn man von der Seite guckt, zwischen den hervorstehenden Beckenknochen leicht nach innen wölbt, muss Jasmin zu ihrem Schrecken feststellen, dass der Bauch eher wieder nach vorn nachgibt, wenn sie ihn nicht einzieht! Am Hintern – Jasmin kneift eine Hautfalte zwischen zwei Finger und pikst mit der anderen Hand hinein – das sieht ganz nach Cellulitis-Dellen aus!
Jasmin fühlt Tränen im Hals aufsteigen. Und die Sache mit dem Thigh gap, der Lücke zwischen den geschlossenen Oberschenkeln, welche auf so vielen Selfies junger Mädchen im Internet zu sehen ist, kriegt sie ebenfalls nicht hin.
‚Trixi wollte ich doch diese Woche noch besuchen. Wann mache ich das nur?‘, geht es ihr plötzlich durch den Sinn. Das Bild des unterentwickelten Körpers ihrer Krankenhausbekanntschaft schiebt sich fordernd vor ihr geistiges Auge. Schnell wischt sie den Anblick beiseite. Sie mag das Mädchen wirklich. Sie könnte sich sogar vorstellen, dass sie Freundinnen werden.
Oder sind sie’s bereits? Trixi ist klug, „erwachsen“ trotz der Schmächtigkeit oder gerade? Dazu witzig auf eine oft sarkastische Weise und eine gute Zuhörerin. Doch wie soll eine Freundschaft mit jemandem funktionieren, der mager wider Willen ist? Der sich nichts mehr wünscht, als dass die Kalorien endlich an den Hüften hängen bleiben? Jemand, der so oft ins Krankenhaus muss oder zu Hause sich nur zwischen Bett und Toilette bewegen kann, weil der Körper zu schwach ist und alles weh tut?
Wie könnte sie mit einem Mädchen befreundet sein, das Jasmins Bestrebungen nach einem dünnen Körper wie Hohn empfinden muss?
Nein, entscheidet Jasmin.
Besuchen wird die Trixi, das war ausgemacht. Auch Kontakt mir ihr halten. Ist schwer genug für sie, fast ohne Freunde auskommen zu müssen. Ihr ab und an Gesellschaft leisten im Gefängnis ihres chronisch kranken Lebens. Doch wahre Freundschaft, denkt Jasmin, geht doch vor allem darüber, dass man Gemeinsamkeiten hat, dass man Ideen und Ansichten teilt, oder? Sie öffnet ihr E-Mail-Programm und findet einen Brief von Lena vor.
„Meine liebe kleine Jasmin“, hat diese vorhin gerade geschrieben „na, wie geht es dir, hältst du dich tapfer in den Klauen der bösen Mächte, auch ‚Ärzte im Zeichen des Speckrings‘ genannt?
Nee, ich mach ja nur Spaß… Ist ja auch wichtig, dass du wieder auf die Beine kommst. Ich selbst habe schon so einige sinnlose Wochen und Monate in diversen Krankenhäusern verbracht, immer mal wieder. Du kannst mir glauben: Wenn du einen starken Willen hast und dich nicht von ihnen volllabern und brechen lässt, dann schaffst du das!
Immer schön nicken und eben notfalls auch erst mal brav fressen und zunehmen. Bis sie dich entlassen müssen! Das bekommst du anschließend alles wieder von den Rippen runter, du weißt doch nun, wie es geht. Versprochen!
Ich schreibe gerade an einer Hausarbeit für mein Soziologiestudium, das Thema ist gar nicht mal so uninteressant, da kann ich den dusseligen Dozenten bei uns sogar noch einiges beibringen: Zufällig heißt es nämlich: „Essstörungen und andere Suchterkrankungen im Milieu der Baden-Württembergischen Mittelschicht bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen“.
Klingt spannend, was? 😉 Ich fühl mich ziemlich gut (na ja, wenn das mit den Herzrhytmusstörungen manchmal nicht wäre, das nervt sowas von.
Aber Opfer muss man eben bringen). Und ich visiere mein nächstes Ziel auf der Waage an: 42 kg!
Egal, was die Ärzte mit ihren durchschaubaren Psychospielchen mir immer einreden wollten: Ich habe mich entschieden. Ich bleibe stark und Ana treu, ich bin eine echte Ana-Jüngerin (falls es das Wort gibt).
Lass‘ dir nichts erzählen, halte durch, ich denke an dich! Deine Lena“
Mutlos hockt Jasmin sich auf den kleinen roten Hocker und umschlingt die Beine mit den Armen, legt den Kopf darauf. Lena, die ist charakterfest.
Lena schafft, was sie sich vornimmt. Lena ist cool – und so aufmerksam ihr gegenüber! Jasmin findet es beneidenswert, wie mutig die Mail-Freundin sich den Schwierigkeiten entgegen wirft, welche ihr auf dem Weg in ein selbstbestimmtes Leben in den Weg gelegt werden.
Aber sie selbst? Verrät sie Lena, wenn sie sich dem Diktat der Ärzte, eigentlich ihres eigenen Körpers, nun etwa doch beugt und mehr isst?
Jasmin schaukelt mit den Armen um die Knie langsam hin und her. Ist doch toll zu fühlen, wie alle Glieder sich eng aneinanderschmiegen, keine Fettschichten sie trennen! Außerdem ist ihr so zusammengerollt auch wärmer.
Das Mädchen ist hin- und hergerissen. Sie hat sich von Dr. Neubert angegriffen gefühlt, zum ersten Mal. Die will ihr auch nur das Schlanksein ausreden! Mit ihren Worten hat sie Lena und all die anderen irgendwie kritisiert, ja schlecht gemacht! Wo doch Lena ihr Vorbild ist: Frei, selbstbestimmt, mutig! Warum ist sie nicht so stark wie Lena?
Die muskulös-dünnen Tänzerinnen in den Pop-Videos hatte sie sich einst ebenfalls zum Idealbild auserkoren Und muss einsehen, dass sie dieses Schönheitsideal wohl nie erreichen wird; nicht, ohne dabei zu verhungern. Diese schönen Mädchen in den Clips sind es, welche Paolo so toll findet. Oder auch jeder andere heiße Junge; ganz sicher ist Jasmin sich da!
Ihre Gedanken streifen Philipp. Der auch. Der auch? Leichter Zweifel kommt auf, dass diesem das so wichtig wäre – das mit dem Thigh gap oder der Taille, die man mit zwei Händen umfassen können muss.
Sie wundert sich ein wenig, dass sie überhaupt so etwas denkt. Sind nicht alle Jungen gleich, irgendwie? Philipp hat gesagt, ihre Augen strahlen wieder so schön. Na ja, vielleicht wollte er nur was Nettes, Aufmunterndes sagen, und die Augen waren das einzig halbwegs Erwähnenswerte an ihr, was ihm auf die Schnelle einfiel.
Jasmin zieht sich wieder an. Morgen will er sie nach der Schule zum Eisessen mitnehmen. Ausgerechnet Eis, das vor lauter Zucker und Fett gleich von der Waffel fließt! Oder – ob irgend jemand Philipp gar dafür bezahlt oder erpresst, damit er mit ihr ausgeht und sie zum Essen hochkalorischer Dinge verleiten soll?! Die Therapeuten, oder Mama und Papa?
Sie merkt selbst, dass sie langsam paranoides Zeug phantasiert.
Sie bürstet vorsichtig die Haare, damit nicht unnötig viele im Kamm hängen bleiben; noch immer gehen viel zu viele Haare jeden Tag aus, der Schopf wird langsam dünn. Sprüht etwas von dem Eau de toilette auf, welches ihr Philipp beim letzten Mal mitgebracht hat. Es riecht frisch nach Mandarinen, Minze und Vanille und macht irgendwie gute Laune.
Sie fühlt sich geschmeichelt, dass Philipp ihr so ein Geschenk gemacht hat. War nicht ganz billig. ‚Ob der am Ende doch was von mir will?‘, fragt sie sich zweifelnd. Warum sollte er. Aber da sind diese Blicke, diese kleinen unsicheren Schweigemomente. Ganz, als sei er in ihrer Anwesenheit nervös. Verliebt-nervös!
Die Vorstellung bestürzt sie ganz und gar nicht, sondern verursacht so ein angenehmes Kribbeln. Kurz muss sie an die Nachmittage in Paolos Zimmer denken, an abgestreifte T-Shirts, sich aufrichtende Härchen überall, an Lippen und kratzige Bartstoppeln. Eigentlich wünscht sie sich auf einmal ganz doll, dass Philipp mehr als nur ein Freund in der Not wäre.